Medizinstudium mit psych. Erkrankung
#1
Hallo,

hat jemand Erfahrungen bzgl. Medizinstudium mit psychischen Erkrankungen?
Ich bin in der Vorklinik, Ziel ist es, in die Allgemeinmedizin zu gehen.
Da ich mein Studium selber finanzieren muss und zusätzlich in die Pflege eines Angehörigen in einer anderen Stadt eingebunden bin,
ist das straffe Studium ohnehin schon eine Herausforderung, auch wenn ich Kurse reduziere.
Dazu kommt, dass ich seit drei Jahren an wiederkehrenden depressiven Episoden und
Ängsten leide (in Behandlung).

Das Lernen ist nicht das Problem, denn ich kann mir den Stoff in der Regel gut eigenständig erarbeiten, sofern ich Zeit und Ruhe dafür habe.
Sofern. Denn Zeit und Ruhe um den Stoff zu verstehen, hat man in diesem System aus meiner bisherigen Erfahrung nicht.
Die Anspannung, konstant Leistung an den Tag legen zu müssen, die Willkür, Schikane, Psychoterror bei PrüferInnen - all das ist mir vor kurzem so über den Kopf gewachsen, dass ich zwei Wochen ausgefallen bin. Ich kam nicht mehr aus dem Bett.
Nun will die Uni mich wegen dieser Fehltermine dieses Semester von sämtlichen Praktika ausschließen.
Mein Eindruck ist, dass Studierende wie ich als "nicht belastbar" genug angesehen werden und evtl ausgesiebt werden sollen in der Vorklinik.
Ich glaube aber daran, dass ich eine empathische, engagierte und kompetente Ärztin werden könnte.
Nur möchte ich dafür nicht meine eigene Gesundheit ruinieren.


Gibt es Menschen, die vor ähnlichen Herausforderungen standen? Wie seid ihr damit umgegangen?
Ich freue mich über Austausch.
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#2
Hallo,

was du schreibst, hört sich nach einem riesigen Berg an Stress an und ich hoffe, dir wird trotzdem die Praktikumsteilnahmen doch noch ermöglicht!

Ich selbst bin Medizinstudentin im Pj. Wegen einer rezidivierenden Depression musste ich längere Unterbrechungen einlegen, aber konnte dann auch zum Glück wieder den Weg ins Studium zurück finden.
An meinem Studienort war es möglich, Sondereinteilungen zu beantragen, die mehr Planbarkeit und eine gleichmäßigere Verteilung der Kurse ermöglicht haben (wobei Stundenanzahl und Kriterien zum Bestehen die gleichen blieben). Das fand ich hilfreich, weil dann z.B. in Klausurenphasen der Stundenplan weniger voll war. Wenn du das nicht schon gemacht hast, wäre vielleicht auch ein direktes Gespräch mit dem Dekanat eine Idee? Bei mir lief ein solches positiv - ohne irgendwelche Details meiner Erkrankung schildern zu müssen. Selbst wenn du von deiner Erkrankung gar nicht erzählen möchtest, hast du mit der Pflege deines Angehörigen und der finanziellen Situation ja mehr als genug Gründe, Unterstützung zu bekommen!

Mündliche Prüfungen haben mich auch enorm unter Stress gebracht und leider habe ich kein Rezept, wie es immer gut läuft. Es ist leider möglich, dass in der Vorklinik  "ausgesiebt" wird, je nach Uni wahrscheinlich mehr oder weniger. Gibt es denn die Möglichkeit, dass du dir ein Semester mehr Zeit lässt für die Vorklinik? Oder dass du Prüfungen schiebst? Protokolle, Seminare und Prüfungen konnte ich damals teilweise schieben (mit Attest), wobei die Gesamtleistung trotzdem (dann eben später) erbracht werden musste.

Für mich war enorm wichtig, dass ich immer wieder Therapie-Termine hatte, wo ich über den Stress, die depressiven Gedanken und die Ängste reden konnte. Die Zeit dafür habe ich mir immer genommen und ich glaube, dass das sehr viel dazu beigetragen hat, dass ich durchs Studium gekommen bin. Ich hoffe, für dich ist die Behandlung, die du bekommst, auch hilfreich und unterstützend!
Ich möchte dir vor allem Mut machen, dass es möglich ist, Medizin zu studieren, auch mit einer psychischen Erkrankung!
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#3
Vielen Dank für die Informationen, die ich gesucht habe.
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#4
Hy!

Vielleicht ist ja noch jemand hier, der*/die* Lust sich auszutauschen.
Ich bin auch Medizinstudierende und im 5, Jahr. Ich habe während meines Studiums nun Borderline sowie PTBS diagnositiziert bekommen. Ich bin schon lange in Therapie, war auch schon öfter geplant stationär, habe aber noch einige Meilensteine vor mir.

Bei uns an der Uni läuft es etwas anders und nun habe ich seit diesem Jahr nur noch Klinik und bin im Krankenhaus.
Das alles macht vieles für mich ziemlich schwer. Zuvor konnte ich mich gefühlt gut in den VOs verstecken und die paar Wochen Famulatur zwischendrin konnte ich gut überstehen.

Nun ist alles etwas schwieriger. Einerseits sind viele Triggersituationen (Besonders in der Gynäkologie geht es oft um Trauma aber natürlich auch an der Psychiatrie usw.). Andererseits fühle ich mich die ganze Zeit sehr falsch. Ich habe das Gefühl ich bin völlig allein als Medizinstudierende mit einer psychischen Erkrankung und dass es Ärzt*innen gibt, denen es so ähnlich geht wie mir, ist mir unvorstellbar. Klar, rational gesehen kenne ich die Statistiken, aber gefühlt spüre ich das im Umgang mit Kolleg*innen im Krankenhaus gar nicht.
Dadurch kriege ich oft das Gefühl, dass ich falsch bin und nicht in das System passe und es peinlich ist. (Klar, rational weiß ich wieder, das das Bullsh*t ist, aber emotional löst es das alles in mir aus.)
Ich glaube es ist echt einfach, das Gefühl allein zu sein wie ich bin. Dass alle anderen "klar kommen" und ich psychische Erkrankungen habe. Mir fehlt irgendwie ein Spiegel, der mir zeigt "Ja, mir ging/geht es auch so wie dir und trotzdem schaffe ich das. Trotzdem bin ich eine gute Ärztin."

Also was ich einfach schön fände, ist zu hören, ob andere das auch kennen. "wirkliche" Menschen sprechen hören, dass sie auch dort waren, wo ich bin. Ein einfacher Realitätscheck also.

Und ich frage mich immer wieder, spricht das ärztliche Personal einfach wirklich nicht über diese ganzen Probleme oder warum kriege ich das nicht mit? Und wie kann ich das alles für mich anders gestalten? Soll ich beginnen über sowas zu sprechen im Arbeitsumfeld? Stigmata aufbrechen (natürlich nur mit Personen, denen ich vertraue)?
Und warum spricht sonst niemand drüber? Ist das im medizinischen Bereich wirklich so viel verrufener?

Danke schon Mal an euch!
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