Als Profi selbst in Behandlung
#1
Wer ist selbst Gesundheitsberufler und war schon mal in Behandlung, vielleicht sogar (teil)stationär? 


- Wo liegen da die Schwierigkeiten
- Wie ist es, wenn man dort Kolleg*innen oder Patient*innen trifft? Sollte man sich deswegen vielleicht z.B. immer "wohnortfern" behandeln lassen?
- Ist das komisch weil man besonders ernst genommen wird als Profi oder haben die Behandler da eher Probleme mit? 
- Weiß man "alles besser" oder hat man im Gegenteil das Gefühl, man würde gerne mal "einfach nur Patient" sein und auch alles erklärt bekommen weil man gar nicht in der Lage ist das selbst zu durchdenken?
- Welche Gründe kennt ihr bzw. habt ihr miterlebt, die dazu führen, dass jemand sich nicht in eine benötigte Behandlung begibt?
- Wo können wir mit dem Projekt an dieser Stelle vielleicht eingreifen und zum Beispiel über Aufklärung Hemmschwellen senken


Ich bin gespannt auf eure Gedanken/Erfahrungen (gern auch anonym)!
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#2
Ich fange jetzt eine ambulante Therapie an.

Bis jetzt war für mich tatsächlich der größte Schritt mich überhaupt für eine Therapie zu entscheiden. Ich habe mich ziemlich lange mit der Frage beschäftigt, ob das nun so eigentlich noch "normal" ist oder nicht. Es hat lange gedauert, bis ich mir eingestanden habe, dass es ok ist eine professionelle Meinung einzuholen, wenn ich mir unsicher bin. Ich muss mich gar nicht selbst durchdiagnostiziert haben. Aber irgendwie versucht man es dann doch. Habe erstmal Leitlinie gelesen, um mir weiter zu überlegen, ob ich nun krank bin, oder vielleicht doch nicht. Und es gibt immer so viele Patienten, die man irgendwo mal erlebt hat, denen es so viel schlechter geht... Das hat mich schon auch gehemmt über professionelle Hilfe nachzudenken.

Bei einer stationären Behandlung auf Kollegen zu treffen fühlt sich für mich momentan noch problematisch an. Ich habe auch bewusst meine Psychiatrie-Famulatur in einer Klinik gemacht, von der ich ziemlich sicher wusste, dass ich dort nicht in Behandlung gehen würde, wäre doch mal ein (teil-)stationärer Aufenthalt nötig. (Auf Grund der örtlichen Lage.)

Bis jetzt fühle ich mich als im Gesundheitswesen tätige bzw. Medizinstudentin nicht anders behandelt in Hinblick auf mein Wissen und meine Beziehung zu Behandlern. Ich kann mir aber vorstellen, dass es nochmal anders wäre, wenn man wirklich selber in einem "Psycho-Fach" arbeitet.

Im Kontakt mit meinem medizinischen Umfeld, aber auch Ärzten verschiedener Fachrichtungen finde ich es schon sehr schade, dass mich nie jemand auf Symptome angesprochen hat. Also z.B. die Ernährungsmedizinerin mit den Infos, dass ich im halben Jahr davor ca. 15kg abgenommen hatte, ca. 500 kcal am Tag aß und Magen-Darm-Beschwerden hatte, mir einfach sagte, dass ich ja schon ein bisschen mehr essen sollte und damit war das für sie erledigt. Da kam so gar keine Nachfrage.
Oder, dass die Kollegen, wenn man den ganzen Tag auf der Arbeit zusammen Zeit verbringt und man immer auch gemeinsam isst es kommentarlos hinnehmen, dass ich halt den ganzen Tag nur eine Schüssel Erdbeeren gegessen habe und da überhaupt niemand auf die Idee kommt nachzufragen wenn das die Regel ist.
So im Nachhinein hätte ich mir schon gewünscht, dass mich viel früher einfach mal jemand vorsichtig angesprochen hätte. Da fehlt es dann glaube ich schon viel auch einfach an Bewusstsein dafür.
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#3
Ich habe als Studentin verschiedene Erfahrungen gemacht. Während die teilstationäre Behandlung eine gute und hilfreiche Erfahrung für mich war und auch der Kontakt zu Kommilitonen (Blockpraktikanten) ziemlich professionell war, hatte ich stationär größere Schwierigkeiten. Im "eigenen" Klinikum läuft man immer wieder bekannten Gesichtern über den Weg, und wenn man sogar junge Assistenzärzte auf der Station selbst noch aus dem Studium kennt, ist es schwer, den nötigen Abstand zu wahren und es sorgt auch für organisatorischen Aufwand, wenn man eben z.B, nicht in Gruppentherapien bei diesen Bekannten sein darf. Ich habe mich dann noch einmal für eine wohnortferne stationäre Behandlung entschieden, wovon ich wiederum sehr profitiert habe. Insgesamt glaube ich schon, dass die Kommunikation mitunter anders ist wenn ein gewisses medizinisches Grundwissen vorhanden ist, manchmal war ich aber wirklich auch froh wenn noch einmal alles erklärt wurde und ich "nur Patientin" sein durfte und nicht das Gefühl hatte auch noch etwas leisten (Wissen abrufen) zu müssen. Manchmal ist es schwer, "loszulassen" und sich auf diese komplett andere Rolle der "Kranken" einzulassen und bei der Visite auf der anderen Seite des Tisches zu sitzen. Das war für mich schon schwer, besonders eben dort auf Station wo ich schon selbst als Studentin gewesen war. Zu vertrauen und sich einzulassen auf diese neue Erfahrung war für mich sehr schwer, hat sich aber gelohnt.
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#4
Ich bin Psychologische Psychotherapeutin und mit halben Kassensitz niedergelassen. Ich habe seit fast 10 Jahren die Diagnose einer Double Depression, wobei ich sicher auch schon vorher an Depressionen gelitten habe, nur sind sie bis dahin nie diagnostiziert worden. Ich bin 51 Jahre alt, habe meine Therapieausbildung vor 12 Jahren begonnen und bin seit gut 7 Jahren approbiert.

Grundsätzlich finde ich es (nicht mehr) problematisch, als Psychotherapeutin selber an einer psychischen Erkrankung zu leiden. Ich muss halt sehr gut aufpassen, dass ich nicht akut depressiv bin. Patienten, die ich für strukturell in der Lage halte, das auseinander zu halten, berichte ich von meiner Erkrankung. Sehr vorsichtig, sehr darauf bedacht, keine Grenzen zu überschreiten. Wo es möglich ist, ist es für Patienten eher hilfreich.

Selber war und bin ich durchgehend in psychiatrischer Behandlung, habe eine ambulante Psychotherapie gemacht und war einmal in stationärer Behandlung. Meine Erfahrungen sind sehr gemischt.

Der Psychiater, bei dem ich in Behandlung bin, ist fachlich hervorragend und ihm gelingt es sehr gut, die therapeutische Beziehung zu gestalten. Die Rollen sind ganz klar, er der Arzt, ich die Patientin, dennoch kommuniziert er mit mir inhaltlich auf Augenhöhe. Extrem angenehm.

In der Klinik hatte ich den Eindruck, dass es sehr hinderlich war, nicht nur Patientin, sondern auch Therapeutin zu sein. Möglicherweise weil ich älter war als die meisten Therapeuten, ärztliche und psychologische, hatte ich den Eindruck, sie fühlten sich mit mir überfordert. Einerseits war ich als Therapeutin mit gefragt ("Was würden Sie als Therapeutin einem Patienten jetzt sagen?"), die Rollen waren nicht klar und diese zu klären ist nicht meine Aufgabe, wenn ich Patientin bin. Andererseits wurde ich sehr arrogant behandelt, wenn ich für Patientinnen legitime Wünsche geäußert habe. Ich habe die Behandlung nach 10 Tagen abgebrochen. Seitdem mache ich alles, um eine erneute stationäre Behandlung zu vermeiden. Hat bisher zum Glück geklappt.

Die Suche nach einem ambulanten Therapeuten bzw. einer Therapeutin gestaltete sich als schwierig. Einige Male habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Tatsache, dass ich selber Therapeutin bin, dazu führte, dass mir jemand keinen Therapieplatz angeboten hat. Einige benannten es offen, das war hilfreich. Bei mir selbst war es anfangs ambivalent. Ich habe mir viele Gedanken gemacht, dass ich nicht allzu "schwach" erscheinen darf, ich weiß ja angeblich, wie es geht, nicht depressiv zu sein. Den Zahn habe ich mir allerdings im Laufe der Therapie ziehen lassen.
Unterm Strich war es für mich nicht so sehr die Tatsache, dass ich als Patientin auch Therapeutin bin, sondern die Qualität der therapeutischen Beziehung. In dieser Hinsicht bin ich allerdings mittlerweile wenig kompromissbereit. Als Therapeutin stecke ich viel Arbeit in die Gestaltung einer förderlichen therapeutischen Beziehung. Das erwarte ich von meinem Gegenüber, wenn ich auf dem Patientinnenstuhl sitze. Das sieht nicht jeder und jede so, dass kann und mag nicht jeder und jede leisten. Dann muss ich weiter suchen.
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#5
Super Beitrag von Fromo, finde meine Erfahrungen dort auch wieder
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