Mit Sport und Bewegung gegen psychische Erkrankung?
#1
http://www.spiegel.de/gesundheit/psychol...38242.html

"Psychotherapie Sport für die Seele
Sport hält gesund - nicht nur körperlich: Immer mehr Studien zeigen, dass regelmäßige Bewegung auch bei seelischen Problemen hilft. Bei manchen psychischen Krankheiten ist Sport sogar ähnlich wirksam wie eine Psychotherapie oder Medikamente.
Von Jana Hauschild
[Bild: image-546325-860_poster_16x9-htnc-546325.jpg] Fotos
Corbis

Sonntag, 29.12.2013   09:04 Uhr Asiatische Kampfkunst bei Depressionen, Joggen gegen die Angst und Yoga als Schizophrenie-Therapie: Nicht alle Menschen mit psychischen Erkrankungen sind bereit für eine Psychotherapie oder wollen Medikamente schlucken. Psychiater und Psychologen suchen daher nach Alternativen. Sport könnte eine sein.


In vielen Kliniken gehört Sporttherapie inzwischen zum regulären Behandlungsangebot: Einerseits weil psychisch Erkrankte anfälliger für körperliche Beschwerden wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes sind, da sie sich zumeist wenig bewegen, ungesund ernähren und oftmals rauchen. Psychisch schwer Erkrankte sterben unter anderem deshalb im Durchschnitt bis zu 20 Jahre früher als gesunde Menschen.
Es braucht nicht viel
Sport verbessert aber auch direkt das psychische Wohlbefinden. Eine niederländische Untersuchung mit mehr als 7000 Probanden zeigte beispielsweise, dass schon eine Stunde Sport pro Woche das Risiko für Depressionen, Angststörungen oder Abhängigkeitserkrankungen senkt. Zudem berichtet die Forschergruppe, dass Probanden mit einer psychischen Erkrankung sich eher davon erholten, wenn sie regelmäßig Sport trieben.
Vor allem bei Angststörungen und Depressionen scheint körperliche Bewegung eine sinnvolle Therapiemaßnahme zu sein. Übersichtsstudien zeigen, dass Radfahren oder Joggen die Angstgefühle bei Patienten mit Phobien und Panikstörungen mindern kann. In einigen Untersuchungen wirkten die Bewegungsstunden sogar ähnlich gut wie eine Verhaltenstherapie und waren hilfreicher als andere Maßnahmen, die die Angst reduzieren sollen.

Ähnlich beurteilen Forscher den Einsatz von Sport bei Depressionen: Regelmäßiges Training wirkt demnach ebenso effektiv wie eine Psychotherapie oder Psychopharmaka. Forscher und Therapeuten bevorzugen dabei Ausdauersportarten wie Walken, Joggen oder Radfahren.
Spaß verstärkt die positiven Effekte
In welchem Umfang, wie oft und wie intensiv der Sport am besten wirkt, ist aber umstritten. Auf Grundlage der bisherigen Befunde empfiehlt ein australisches Forscherteam, mindestens dreimal pro Woche 30 Minuten bei moderater bis starker Intensität über minimal acht Wochen hinweg zu trainieren. Dabei sei es weniger wichtig, ob der Sport in der Gruppe stattfindet und um welche Sportart es sich handelt.
"Wir müssen die Patienten dort abholen, wo sie stehen. Wenn sie lieber Krafttraining machen als Ausdauersport, dann sollten wir besser das fördern, als gar nichts zu unternehmen", sagt Andreas Ströhle, leitender Oberarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité in Berlin.

Experimente mit Mäusen etwa hätten gezeigt, dass Sport, der unangenehm ist, auch nicht so gut wirkt: Die Tiere schwimmen nicht gern, rennen umso lieber. In einem Versuch blieben bei Mäusen, die viel schwimmen mussten, anschließend die positiven Effekte im Gehirn aus, die bei jenen Mäusen gefunden wurden, die in einem Laufrad rannten. Und das, obwohl beide Gruppen genauso lange und intensiv aktiv waren.

Sport und Bewegung: So halten Sie Ihren Körper gesund und fit
Inzwischen prüfen Forscher die unterschiedlichsten Sportarten auf ihre Therapietauglichkeit. Eine kleine norwegische Studie verglich beispielsweise die Wirkung von asiatischen Kampfsportarten auf Depressionen. Die Kampfkunst erwies sich dabei dem Radfahren als überlegen: Während der Kampfübungen hellte sich die Stimmung der depressiven Probanden deutlich auf, auf dem Fahrradergometer jedoch nicht.
Die Zusammenhänge sind noch unklar
Mehrere Studien haben inzwischen auch Yoga eine therapeutische Wirkung bescheinigt, unter anderem bei Schizophrenie. Die Ganzkörperübungen milderten bei den Betroffenen unter anderem Wahnsymptome und Apathie, teilweise ebenfalls besser als Indoor-Radfahren.
Warum Sport überhaupt wirkt, darüber sind sich Wissenschaftler noch uneins. Experimente haben gezeigt, dass körperliche Aktivität ab einer bestimmten Intensität Glückshormone wie die Endorphine freisetzt. Ebenso regt sie die Ausschüttung des Peptids ANP an, ein körpereigener Angsthemmer. Sport verringert zudem die Freisetzung von Stresshormonen.

Psychologen nehmen zudem an, dass es ein Gefühl von Kontrolle und Macht über sich selbst hervorrufen kann, wenn man den inneren Schweinehund überwindet. Die Betroffenen haben plötzlich wieder das Gefühl, durch ihr Handeln etwas bewirken zu können. Viele Sportangebote für psychisch Kranke finden in Gruppen statt. Auch das kann die positive Wirkung von Sport ausmachen. Schließlich lenkt intensive Bewegung vielleicht auch einfach von den Beschwerden und Grübeleien ab.
Was es auch ist: Es wirkt."




Welcher Sport tut euch gut?
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#2
Mir tut vieler Sport gut. Ich tanze ganz gerne (das verrät mein Name auch überhaupt nicht^^) und mache viel hochintensives Fitnesstraining (Crossfit). Bei beidem bin ich so auf das was ich tue konzentriert, dass für alle anderen Gedanken kein Platz mehr ist und das tut echt gut damit den Kopf frei zu bekommen.
Ab und an gehe ich auch gerne Laufen, Radfahren oder Schwimmen. Das ist etwas kontemplativer.

Generell tut mir Sport schon sehr gut, aber ich finde es manchmal schwierig da die Balance zu finden und rauszufiltern, wann es mir wirklich gut tut und Bewegung richtig ist und wann ich nur durch meine Essstörung getrieben Sport machen will um Abzunehmen und es dann vielleicht auch manchmal besser ist nichts zu tun.
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#3
Hallo Tänzerin, danke dir für deine Antwort Smile

Darf ich fragen, ob du wegen der Essstörung aktuell in Therapie bist? Kann mir auf jeden Fall gut vorstellen, dass es eine Herausforderung ist da beim Sport nicht ins Extrem zu kippen.

Mich würde auch sehr interessieren, wie du aktuell mit dieser Balance umgehst, was da so deine Herangehensweise ist. Würde mich sehr über eine Antwort freuen.
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#4
[Triggerwarnung: Genauere Beschreibung von Sportverhalten und Zahlen]

Sorry, ich schaue hier nicht so ganz regelmäßig rein, deshalb hat es mit der Antwort etwas gedauert...

Ja, ich mache momentan eine ambulante Therapie mit Einzel-Therapie, Ernährungsberatung und Gruppe. 

In der Therapie haben wir anfangs mal kurz über mein Sportverhalten gesprochen und ich wurde gefragt, ob ich das zwanghaft mache bzw. aus dem Druck Kalorien verbrennen zu wollen. Das habe ich verneint und seitdem war es nie ein Thema. 

Meistens ist es auch so, dass ich Sport tatsächlich mache, weil ich mich sportlich weiter entwickeln will und fitter werden will. Aber auch das ist manchmal eher eine schwierige Motivation, wenn es nicht nur einfach darum geht Spaß zu haben, raus zu kommen und meinen Kopf frei zu bekommen, sondern immer wieder Grenzen auszutesten, mich krass herauszufordern und einem sportlichen Idealbild nachzustreben. 

Generell propagiert CrossFit ein Schema von drei Tagen Training, einem Tag Pause. Es gibt immer wieder längere Zeiten, zu denen ich das durchziehe. Dann fällt es mir manchmal schwer an den "Restdays" nichts zu tun. Aber ich weiß, dass mein Körper die Erholung braucht und versuche auch sie ihm zu gönnen. Aber oft bekomme ich das dann doch nicht so durchgezogen, weil meine Woche viel zu unregelmäßig ist und ich mal wieder viel zu viele Dinge tue. Dann ärgere ich mich oft sehr darüber, dass ich nicht so viel Sport mache und überlege dann, ob ich das irgendwie noch einbauen kann. Aber meistens ist dann die Entscheidung Schlaf oder Sport. Und dann wünsche ich mir Sport zu wählen und ende eigentlich immer vernünftigerweise mit Schlaf statt Sport. 

Ich versuche halt immer wieder zu hinterfragen, warum ich Sport mache. Gerade wenn ich debattiere, ob ich noch Sport mache an einem Tag oder nicht, dann bin ich da oft ambivalent. Ein Teil von mir will, ein Teil von mir will einfach chillen und dann frage ich mich, ob es mir gerade gut tut Sport zu machen, weil ich tatsächlich Bewegung brauche, oder ob ich eigentlich nur Kalorien verbrennen will. Aber so richtig funktioniert das nicht immer. Meistens mache ich am Ende weniger Sport als ich es gerne würde, das ist aber meist trotzdem noch mindestens 3 mal eine Stunde Training die Woche. (Ich hoffe, Zahlen triggern nicht...)

Gerade wenn ich mit meinem Gewicht unzufrieden bin, dann tendiere ich eher dazu mir zu denken, dass ich doch mal lieber mehr Laufen gehen sollte, als Krafttraining machen, weil das mehr Kalorien verbrennt. Und ich ärgere mich schon auch nach Workouts, wenn ich meiner Meinung nach nicht genug geschwitzt habe. Ich versuche mir dann immer selber zu erklären, dass eine gute Mischung ok ist und dass es ok ist auch nichts zu tun, wenn ich gerade keine große Lust auf Sport habe. 

Besonders schwierig finde ich auch Verletzungen. Ich behaupte von mir meistens vernünftig zu sein. Meine Eltern z.B. würden das glaube ich anders sehen. Gerade tut seit ca. zwei Wochen mein Fuß weh, weil ich zu viel Seil gesprungen bin. Ich habe dann zwischendurch überlegt, ob ich Laufen gehen soll, aber beschlossen, ich bin "vernünftig" und lasse das sein. Nur um einen Tag später beim CrossFit im Workout zu laufen (nicht so viel, aber trotzdem). Ich hatte auch die letzten Monate ziemlich lange Schmerzen in beiden Schultern. Z.T. so schlimm, dass ich nicht wusste, wie ich meine Oberteile an und ausziehen sollte... Anfangs habe ich mein Training erstmal nur zurückgeschraubt, aber z.B. trotzdem noch Handstände geübt. Und mal so wenig tun, dass das wirklich abheilen konnte fiel mir extrem schwer. Jetzt ist es endlich besser und ich versuche das Training langsam wieder aufzubauen.  Aber das klappt nicht so gut. Ich will immer alles gleich mit mindestens den gleichen Gewichten wie vorher machen... Und ab und an tut es weh und ich überlege, dass es besser wäre langsam zu machen und ignoriere es dann doch...

Im Urlaub habe ich auch versucht möglichst viel Bewegung einzubauen. Wandern, Kajak fahren, Schwimmen... Einerseits will ich einfach aktiv sein. Aber insgeheim ist da schon auch ein Anteil dabei der einfach dem ganzen Essen etwas entgegensetzen will, damit ich im Urlaub ja nicht zunehme. 

Puh, das ist jetzt lang geworden. Also hmm, ich denke die Balance passt meistens, weil mein Schweinehund oder Schlafbedürfnis auch oft genug gewinnen. Aber ich muss mich halt schon immer wieder hinterfragen, weil oft die Idee da ist mehr zu machen.
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#5
Schön, dass hier auch mal Jemand ausführlich antwortet! Ich hatte beim Lesen den Eindruck, dass das für dich ein ziemlicher "Kampf" bzw. immer wieder ein Hin- und Hergerissen zwischen "Vernunft" und "Bedürfnis nach Gewichtskontrolle/-reduktion" ist. Und wenn du sagst, dass du es deswegen in Balance hälst weil du Schlaf brauchst (Grundbedürfnis!) oder weil du das Gefühl hast dich nun wirklich zurück halten zu müssen klingt das für mich nach einem Thema, dass dich ziemlich beschäftigt. Oder? Vielleicht wäre es ja doch hilfreich, dass in der Therapie mal anzusprechen, sodass du mit dem Thema nicht immer nur alleine umgehen musst.

Was mich auch interessiert, da Essstörungen ja so komplex sind: Hast du den Eindruck, dass die Therapien mit denen du schon Erfahrung gemacht hast, eher auf Symptomreduktion abzielen oder ob es auch wirklich um eine Stärkung der Persönlichkeit von innen heraus geht? Denn Selbstliebe, Selbstwertgefühl und so weiter sind da ja, so wie ich das sehe, sehr große Punkte für Betroffene?
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#6
Ja, da hast du Recht. Es ist schon ein Kampf.
Ich bin ganz froh darüber, dass ich dann wenigstens das Bedürfnis zu Schlafen höher stelle als die Gewichtskontrolle. Dann denke ich mir immer, dass es gar nicht so schlimm ist, und die ES gar keine so große Kontrolle hat... Ich hätte ja auch sonst am Tag anders priorisieren können um zu meinem Sport zu kommen. Habe ich nicht und dann muss ich eben schlafen...
Wahrscheinlich sollte ich es auch wirklich nochmal ansprechen, aber gerade sind irgendwie so viele andere Themen offen, dass das etwas hinten ansteht.
Dieses hin- und hergerissen sein erlebe ich bei so vielen Dingen. Und ich bin mir sicher, dass ich da von meiner Therapeutin gesagt bekomme, dass ich rausfinden muss, was ICH wirklich will. Aber da sind so oft soooo viele "Stimmen" in meinem Kopf, dass ich das einfach nicht weiß.

Gerade überlege ich, ob es besser ist für das nächste halbe Jahr mir ein Zimmer irgendwo zu suchen, oder bei meinen Eltern wohnen zu bleiben, wo ich geplant hatte übergangsweise zu sein. Es gibt für beides so viele Argumente und wenn ich mit Leuten rede raten sie mir unterschiedliches und ich kann alle Argumentationen irgendwie nachvollziehen. Dann fühle ich mich wie so ein Fähnchen im Wind. Nach jedem Gespräch will ich was anderes. Also bleibt es am Ende dabei, dass ich für mich wissen muss, was ich will. Und gerade weiß ich es nicht. Das bringt mich manchmal ziemlich zum verzweifeln.

Ich mache eine tiefenpsychologisch fundierte Therapie gerade und würde sagen, dass wir so gut wie gar nicht über Symptome reden. Es geht fast nur um die Selbstwertproblematik, Ängste usw. Manchmal würde ich mir fast etwas mehr Fokus auf Symptome wünschen... Aber dafür ist hier im Konzept die Ernährungsberatung gedacht. Das hilft mir schon, dass ich da jemanden habe, mit der ich Mahlzeitenpläne erstelle und die mir auch "erlaubt" Dinge zu essen. Und dafür ist der Teil aus der Einzeltherapie ziemlich raus. Das große Problem daran ist, dass die Krankenkasse nicht sehr viel Ernährungsberatung genehmigt...

In der Gruppe, in der ich noch bin, ist es ein bisschen gemischt. Wir reden viel über unsere Herausforderungen, die sind manchmal essenbezogen, aber oft auch nicht. Wir haben uns z.B. als Gruppe jetzt mal gewünscht uns nochmal mit dem Thema Körperbild zu beschäftigen, aber auch schon viel über Selbstwert und warum loslassen so schwer fällt gesprochen. Ich empfinde das als eine gute Mischung.

Ich finde es manchmal krass so Dinge zu schreiben, weil ich das Gefühl habe, dass das alles viel kränker rüber kommt als ich mich meistens fühle. Und dann frage ich mich, ob ich hier beim Aufschreiben aggraviere (ich glaube eigentlich nicht), oder ob ich es insgesamt einfach schwierig finde das Krankheit zu sehen, nur weil ich "ein bisschen ein Problem mit meiner Figur und meinem Gewicht habe", weil irgendwo haben das doch fast alle...
Aber ich habe mich tatsächlich mit meinem vorherigen Post selber getriggert... Sad Habe danach tatsächlich noch in meinem Zimmer vorm schlafen gehen eine Weile Sport gemacht...

@Mods: wenn wir hier zu weit vom Thema abkommen, können wir den Sportteil vielleicht auch vom ES-Teil trennen... Ich weiß nicht, wie ihr das hier in unserem jungen Forum handhaben wollt...
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#7
Mir hat Sport auch sehr geholfen. Litt mein halbes leben lang an Depressionen, war deshalb auch zwei mal für längere Zeit bei der Diakonie. Habe damals gar keinen Sport gemacht und irgendwann mit Badminton angefangen. Später dann auch ganz normal mit Fitness angefangen und Tai Chi, was ich heute noch mache. Allgemein ist ja bekannt, dass Sport auf physischer Ebene gut ist, die Gründe sind allen bekannt. Auf mentaler Ebene hat bringt es allerdings auch sehr viel. Sport lenkt von Gedanken ab, und in meinem Fall von negativen Gedanken. Es ist einfach eine Ablenkungen  und die Glücksgefühle welche nach erbrachter Leistung auftauchen kommen einfach noch oben drauf. Vor allem Sport in der Natur an der frischen Luft soll sich ja positiv auf die Psyche auswirken. 

LG
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#8
Hey LauWau Smile

Wie schaffst du es denn, dich in depressiven Phasen zu Sport zu motivieren? Das ist ja keine einfache Leistung.
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